Das Internet ist für uns alle Neuland

… oder so.

Aber wusstet ihr, dass ich zu einer aussterbenden Art gehöre? Ich bin, mit meinen 26 Lenzen, eine der letzten, die sich noch an eine Zeit ohne Internet erinnern kann! (Hier dramatische Musik einfügen). Das ist einerseits toll, andererseits aber auch ein bisschen beängstigend.

Zum Einen ist es natürlich super: Ich weiß noch, wie es wahr, als nicht jeder ein Handy hatte, als wir noch bei den anderen Klingeln mussten, um zu fragen, ob sie rauskommen. Als man nur auf dem Festnetz-Telefon anrufen konnte, nicht fragen musste „Wo bist du?“ und nur so lange telefonieren durfte, wie niemand sonst das Telefon brauchte. Ich weiß noch, wie es war, als man Informationen über etwas aus einem Buch bekam und nicht alles in fünf Minuten ergoogelt hatte. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der man abends Nachrichten schauen musste, um zu wissen, was in der Welt so los war. Ich weiß noch, wie es war, als man nicht Opfer der Reizüberflutung wurde. Ich kenne noch das Geräusch, das ein Modem gemacht hat, als es sich in’s Internet eingewählt hat. Und sobald jemand telefonieren musste, musste man aus dem Internet rausgehen, weil beides gleichzeitig gar nicht möglich war!
Alles in allem klingt das doch ganz gut, oder? Tja, für jemanden aus meiner Generation (oder älter) schon. Für jüngere Menschen ist das alles vermutlich die absolute Horrorvorstellung.

Natürlich mag ich das Internet. Sonst würde ich wohl kaum bloggen. Und natürlich mag ich mein Handy. Ich kann von überall alle Informationen abrufen, die ich gerade benötige. Kann Fahrpläne, das Wetter in drei Tagen und das aktuelle Kinoprogramm einsehen, ohne auch nur einen Schritt zu tun. Ich kann Dinge online kaufen und bin jederzeit mit Tausenden Menschen vernetzt. Ich blogge, twittere, facebooke, instagrame, google, whatsappe und so viel mehr! Ich arbeite sogar im Internet, ich verdiene damit derzeit mein täglich Brot.
Aber, und das ist das gute, wenn man noch weiß, wie es ohne war: Ich kann das alles auch lassen. Und da kommen wir zu dem beängstigenden Teil.

Ich war neulich mit einigen Freunden essen. Wir saßen also zu sechst so roundabout zwei Stunden gemütlich zusammen, es gab Burger und wir haben gequatscht. In diesen zwei Stunden haben genau zwei von uns ihr Handy benutzt: Einer hat eine SMS geschrieben, der andere hat kurz etwas nachgeschaut. Alle anderen haben ihre Handys die ganze Zeit über in der Tasche gelassen. Und es war ein toller Abend! Natürlich gibt es keine Selfies, keine Tweets und auch sonst nichts, was uns an den Abend erinnert – außer unseren Erinnerungen.
Am Ende des Abends sagte eine Freundin zu mir „wir schreiben“. Und ja, verdammt, das tun wir! Wir verabreden uns via WhatsApp zu unserem nächsten Treffen. Weil es einfach und unkompliziert ist. Wir halten uns in der Zwischenzeit über diese App auf dem Laufenden, was so los ist bei uns.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele 16-jährige bei dieser Vorstellung kreidebleich werden. KEINE SELFIES?! werden sie fragen. Ja, keine Selfies. Ich brauche keine Selfies, ich weiß auch so, wie meine Freunde aussehen. Ich weiß auch so, wie toll der Abend war und worüber wir gequatscht haben.

Beängstigend finde ich nun die Vorstellung, dass alle nach mir kommenden Generationen das nicht mehr so entspannt genießen können. Dass sie immer das Handy in Reichweite brauchen, Fotos machen und sich online vergewissern müssen, dass diese schön sind. Dass sie Panik bekommen, wenn sie das Handy mal für eine gewisse Zeit nicht benutzen können oder dürfen. Dass sie Angst haben, dass das Internet einmal ausfallen könnte. In der Bibliothek meiner alten Schule hingen Plakate mit dem Spruch „Schock deine Eltern, lies ein Buch“. Dieser Spruch trifft, meiner Ansicht nach, heute mehr zu denn je. Auch wenn ich niemanden kenne, der das Wort ‚Smombie‘ (Jugendwort des Jahrs 2015) wirklich benutzt, steckt in der Bedeutung dahinter doch mehr Wahrheit, als man glauben möchte.

Dazu noch eine kleine Anekdote: Ich war letztes Jahr mit dem Lieblingsmann in London. Wir haben eine Tour durch das Stadion des Fußballvereins Arsenal gemacht. Dort war auch eine Schülergruppe. In der Heim-Umkleide sind wir mit dieser Gruppe zusammengetroffen. Und es war durchaus ein Clash of cultures. Die Kinder (so um die 14 Jahre alt) waren alle mit Selfie-Sticks bewaffnet (die bekloppteste Erfindung, seit es Fotografie gib) und knipsten sich mit den heftigsten Duck Faces, die ich je gesehen habe. Wir haben dann extra eine Weile gewartet, um nicht wieder auf die Kids zu treffen, weil diese Fotosucht, dieses immer-on-sein-müssen absolut nervtötend war. Natürlich haben wir auch Fotos gemacht, von Per Mertesackers Platz in der Umkleide (das war der mit der Eistonne) und vom Blick von der Ehrenloge auf’s Spielfeld. Als Andenken, mit einer Spiegelreflexkamera. Nicht mit unseren Gesichtern drauf als Selfie. Denn das war uns eindeutig zu blöd.

Also, Kinners: Raus an die frische Luft mit euch! Ich sage nicht, ihr sollt das Handy zu Hause lassen, denn das wäre Humbug. Ihr könntet es im Notfall durchaus gebrauchen. Aber ich sage, lasst es in der Tasche! Nehmt wahr, was um euch herum geschieht, habt Spaß mit euren Freunden, nicht nur virtuell!

Ich verteufle das Internet nicht, dazu habe ich kein Recht. Und ich kann verstehen, dass es eine einfache Möglichkeit der Informationsbeschaffung bietet und wirklich praktisch ist, um mit Freunden, die z.B. weiter weg wohnen, in Kontakt zu bleiben. Dafür nutze ich selbst das Internet und mein Handy mit seinen Apps auch. Aber ich bin absolut dafür, auch mal Dinge ohne Handy, ohne Internet, ohne ständige Vernetzung zu machen.
So, das war mein Wort zum, äh, Sonntag. Oder so. Keine Ahnung, wann ihr das lest.

In diesem Sinne,
Prost,

die Ruhrpottperle!

 

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Ein Gedanke zu „Das Internet ist für uns alle Neuland“

  1. Finde ich sehr gut deinen Beitrag ! Gerade das Thema Reizüberlflutung. Die Gesellschaft hat sich so verändert. Die Menschen sind sogar zu faul zum selberdenken habe ich ganz oft das Gefühl. Sie sind überfordert mit all den Infos, Bildern und sonstwas. Bei Facebook wird plötzlich jeder zum Richter und ein „Shitstorm“ (gruseliges Wort) wird zur Normalität.
    Daraufhin lege ich mir doch erstma schön meine Toten Hosen Platte original aus den 80ern auf, deine Lieblingsplatte natürlich 😎
    Prost meine Gute! 🍾
    (Und das im ernst. Freitag, frei und Zeckendhand Konzert steht nachher wieder an 😆😆😆😆😆)
    Es grüßt: die Perle des Osten, die jetzt im Norden ist 💄

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