Ich kann alleine sein

Diese Worte und das nun folgende Gedicht sind wieder einmal von der wunderbaren Julia Engelmann. Ich liebe diesen Text und finde ihn wirklich inspirierend. Viel Spaß!
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=D0DHx9MxKcM

Ich kann alleine sein

Ich kann alleine sein.
Ich kann alleine sein.
Ich kann alleine –
seit ich weg bin von der Party und dir
sing ich jetzt schon dieses Lied
und ich singe:
Ich kann alleine sein.

Die Nacht
macht noch vom Dunkel betrunken und ohne mit Gewitter zu zucken
keinerlei Anstalten dem Morgen zu weichen.
Ich gehe nach Hause zwischen laternenen Funken,
in meinem Rucksack trage ich Fragezeichen.
Die schwarze Straße hat sich breit gemacht,
schläft schweigend ihren Rausch aus.
Und zwischen Kreuzungen und Seitengassen tut sich nirgendwo mein Haus auf.
Und ich merke, wie ich gehe,
merke, wie ich mich bewege,
aber mein Leben auf der Stelle steht
und bloß unter mir die Welt sich dreht.
Und unter meinen Füßen ist die Erde ein Laufband.
Ich laufe nach vorn, komm trotzdem bloß hier an.
Meine Welt ist ein Zelt, bloß aus ewigem Treibsand.
Alles bleibt gleich, ohne Ein-, ohne Ausgang.
Alle Schritte, die ich gehe, sind der Sand in meiner Sanduhr.
Alle Straßen, alle Wege, alles kommt mir so bekannt vor.
Hier zum Beispiel:
Genau hier war ich schonmal letztes Jahr,
ich weiß noch, wie verletzt ich war,
ich dachte, ich wär weiter, aber jetzt bin ich schon wieder da.
Und was hab‘ ich nicht alles gemacht seitdem:
Ich hab‘ neue Berge bezwungen,
hab‘ neue Lieder gesungen,
bin über Schatten gesprungen,
hab‘ mich zum Lachen gezwungen.
Hab‘ mich zusammengerissen,
um mich neu zu entfalten.
Um langen Atem zu haben, hab‘ ich Luft angehalten.
Hab‘ mich ins Wasser gestoßen, um schneller schwimmen zu lernen.
Hab‘ meine Sachen verloren, um schneller fündig zu werden.
Aber:
Alles bleibt dasselbe.
Ich zum Beispiel sehe jeden Tag gleich aus.
Lös‘ bei mir selbst keinen Hype aus,
steh‘ dann vorm Spiegel ganz kleinlaut und verharre mit meinen Augen manchmal ein bisschen zu lange auf dem, was hinter mir liegt.
Und alles bleibt dasselbe.
Ich zum Beispiel.
Und alle Phrasen, die ich jeden Tag sage.
Und alle Fragen, die ich jeden Tag habe.
Wie die Frage danach, wann endlich alles gut wird.
Und alles bleibt dasselbe, ich zum Beispiel.
Wie eine Spieluhr, die tanzend immer wieder und wieder
um sich selber kreist.
Immer müder und müder die Welt anschweigt,
im Takt ihrer Lieder bloß bei sich und dieselbe bleibt.

Und ich singe:
Ich kann alleine –
seit ich weg bin von der Party und dir
war ich noch nie so schlecht darin, alleine zu sein.
Aber du?
Du bist nicht alleine.
Nein.
Du bist unabhängig.
Du bist ein Peter Pan-Cowboy-Wolf,
dein eigener instant fan,
du brauchst kein Zuhause, du kommst überall unter nämlich.
Und Hauptsache, dein Leben ist nice via instagram.
Und du gibst dir nur die harten Bässe,
du kippst dir nur die harten Sachen,
du zerstreust dich wie Konfetti
und du nennst das Ganze Party machen!
Mit gesichtslosen Leuten, die sich verzichtlos betäuben.
Und so bist du nüchtern zu schüchtern und besoffen zu offen
und denkst dir: „Hey! Wie war das nochmal mit dem Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach?“
Und so nimmst du lieber den Schmatzer auf die Wange
als die Trauung auf der Yacht.
Und dann ziehst du los
und paarest dich, aber
wer im Rausch mit dir ’ne Festung baut,
stellt dir kein Wurfzelt auf bei Tageslicht.
Du bist und bleibst mein Rätsel.
Das denk ich, aber sag‘ es nicht
und laufe einfach weiter,
während die Nacht längst in den Abend bricht.

Und ich singe:
Ich kann alleine –
seit ich weg bin von der Party und dir
denk ich, dass wir doch wenigstens zusammen alleine sein könnten.
Aber wenn ich dir meine Hand gebe
nimmst du sie nicht an.
Weil du sagst, dass der, der nichts hat, auch nichts verlieren kann.
Das ist sehr clever.
Ja, wer nichts hat, kann nichts verlieren, aber
der hat auch nichts.
Und klar:
Was uns Halt gibt, kann uns fallen lassen.
Wer uns liebt, kann uns alleine lassen.
Was uns frei macht, schränkt uns doch bloß ein.
Wenn wir laut sind, wollen wir leise sein.

Und ich singe:
Ich kann alleine sein.
Ich kann alleine sein.
Ja,
sogar besser, als ich dachte.
Auch wenn ich glaube, dass ich dafür nicht gemacht bin.
Und unter meinen Füßen bleibt die Erde ein Laufband.
Es ist so viel passiert,
steht trotzdem alles auf Anfang.
Wenn der Weg doch das Ziel ist,
dann komm ich vielleicht doch an.
Ich drossel das Tempo
und geh‘ heute mal langsam.
Und was sonst das Ziel sein könnte?
Ich wär‘ irgendwann gern stark.
Und ein bisschen weniger ironisch.
Vielleicht ein bisschen mehr bei mir,
nicht ganz so melankomisch.
Ich wär‘ irgendwann gern alt.
Und vielleicht ein bisschen weise.
Ich weiß noch nicht, wie bald und noch nicht, auf welche Weise.
Ich weiß, ich wär‘ gern nicht allein
und gesund sein wär‘ vorzüglich.
Und ich wünsche mir vor allem,
ich wäre dann ein bisschen glücklich.
Und bis dahin
werde ich manchmal an dich denken,
auch wenn du mich vergisst.
Und bis dahin
werde ich aufhören zu fragen, wann endlich alles gut wird.
Weil, weil nämlich längst schon alles gut ist.
Ja.
Weil nämlich längst schon alles gut ist.

Das war’s auch schon wieder. Ich lasse das, wie immer, einfach wirken.

In diesem Sinne,
Prost,

die Ruhrpottperle!

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