Freundschaft

Man sagt ja, wahre Freundschaft sei selten. Genau so selten wie (oder noch seltener als) wahre Liebe. Und man sagt, dass man mit steigendem Alter seinen Freundeskreis immer mehr dezimiert.
Erst neulich habe ich auf Facebook ein Bild gesehen, das besagte: „Lieber ein bis zwei wahre Freunde, anstatt zehn falsche.“ Wenn man mal absieht von dem unzureichendem Satzbau und der schlechten Rechtschreibung, ist an dem Spruch viel Wahres dran. Eine Grundregel, die wir uns immer vor Augen führen sollten, ist, dass einem zehn Freunde am Arsch vorbeigehen können, wenn man sie nicht auch nachts aus dem Bett klingeln könnte, wenn es hart auf hart kommt. Vor allem, wenn man selbst ein solcher Freund ist, der für seine Freunde 24/7 da ist.

Wirklich gute Freunde habe ich wenige. Ich könnte sie an einer Hand abzählen. Aber ich weiß, dass ich mich auf diese wenigen Freunde wirklich zu 100% verlassen kann. Natürlich renne ich nicht, wenn etwas schief läuft, von Tür zu Tür und erzähle jedem von ihnen davon. Teilweise ist das schon von der Entfernung her nicht möglich. Aber ich weiß, ich könnte, wenn ich wollte. Und meine Freunde wissen (hoffentlich), dass das umgekehrt genau so ist.
Es tut so unfassbar gut, zu wissen, dass man solche Menschen in seinem Leben hat. Menschen, die für einen da sind, mit denen man lachen und im Zweifel auch weinen kann. Menschen, die man nicht jeden Tag sehen muss, um zu wissen, dass sie da sind.
Menschen, die einen auch mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn man sich in etwas verliert oder das Gefühl hat, dass alles zu viel ist. Menschen, vor denen man sich nicht schämen muss, denen man alles erzählen kann.
Es gibt mir sehr viel Rückhalt, diese Menschen hinter mir zu wissen.

Auch ich habe natürlich die Erfahrung mit falschen Freunden gemacht, nicht nur im Englischunterricht. Menschen, die einen ausnutzen. Menschen, die ständig Rückhalt wollen, selbst aber keinen geben möchten. Menschen, die von mir verlangt haben, alles für sie zu tun, mich selbst manchmal ein Stück weit aufzugeben, um für sie da zu sein. Menschen, die nicht verstanden haben (oder verstehen wollten), dass es in meinem Leben manchmal andere Menschen und Dinge gab und gibt, die mir ebenfalls wichtig sind. Menschen, die immer die erste Geige spielen wollten – für die ich aber selten überhaupt im Orchester dabei war.
Und so hart das klingt: Ich kann jedem nur raten, solche Menschen aus seinem Leben zu schneiden. Ich weiß, wie schwer das ist, glaubt mir. Aber ich weiß, wie befreiend das auch sein kann. Oft ist es schwer, überhaupt selbst zu erkennen, wer diese falschen Freunde sind, wer sich nicht wirklich für dich interessiert, sondern ausschließlich für sich selbst. An diesem Punkt kommen dann wieder die wahren Freunde in’s Spiel: Sie können dir helfen, zu verstehen, wer dich ausnutzt, wer dich nur für seine Zwecke will. Wer kein wahrer Freund ist. Und sie können dir helfen, darüber hinwegzukommen, dass es so jemanden gab. Denn „Liebeskummer“ gibt es auch in Freundschaften, die zerbrechen. Manchmal kann diese Art von Liebeskummer sogar noch schlimmer sein als nach einer verlorenen Liebe. Und dann braucht es wiederum wahre Freunde, die dir Halt geben.

Leider, leider weiß man meist erst hinterher, ob jemand ein falscher Freund war. Nachdem man ihnen vielleicht Geheimnisse anvertraut hat. Das macht es vielen Menschen schwer, zu vertrauen, sich auf eine Freundschaft einzulassen. Was absolut verständlich und dennoch so schmerzhaft zu akzeptieren ist. Und auch, wenn ich der Überzeugung bin, dass Freunde eines der wichtigsten Güter sind, so bin ich dennoch dafür, seine Freunde weise zu wählen und sich genau zu überlegen, auf wen man sich einlässt. Denn wer will schon jemandem sein Herz ausschütten, seine Geheimnisse anvertrauen und dann feststellen, dass man nur Mittel zum Zweck war oder dem anderen nicht annähernd so viel wert war, wie er einem selbst?

Wählt eure Freunde mit Bedacht. Aber tut nicht so, als bräuchtet ihr keine Freunde. Die Abwesenheit von Freundschaft tut niemandem gut, manchmal macht sie sogar krank. Psychisch wie körperlich. Springt manchmal vielleicht über euren Schatten, nehmt das Risiko in Kauf, verletzt zu werden, auch wenn es euch Angst macht. Die besten Freunde lernt man nämlich oft auf eine solche Art kennen. Wenn und wo man es am allerwenigsten erwartet.

Und nein: Die Familie kann Freunde nicht ersetzen. Ich bestreite nicht, dass man auch Freunde haben kann, die sowieso zur Familie gehören. Und manche sagen, dass Freunde die Familie sind, die wir uns selbst aussuchen – auch das stimmt. Aber auch die Familie hat nicht nur gute Seiten. Manchmal versuchen Familienmitglieder, dich auf eine „elterliche“ Art zu belehren, dich zu ändern (auch wenn es nicht die eigenen Eltern sind). Freunde tun dies in aller Regel nicht. Sollten sie meiner Meinung nach zumindest nicht. Deswegen halte ich es für unabdingbar, auch Freunde außerhalb der eigenen Familie zu haben.

Ich habe heute bewusst nicht über Liebe geschrieben. Ich weiß, wie wichtig Liebe ist. Wie wichtig eine feste Beziehung sein kann. Ich glaube aber, dass Freundschaft ein ganz anderes Level ist. Manchmal scheint es, als ob Freundschaft sogar noch tiefer geht, eine noch echtere Form der Liebe ist, als die Liebe unter zwei Partnern. Mit einem Partner hat man oft ein gemeinsames Ziel (manchmal auch mehrere). Man teilt sein Leben, man versucht vielleicht, den anderen ein Stück weit zu ändern. Mit Freunden ist das nicht so. Man akzeptiert an Freunden auch die Dinge, die man selbst vielleicht nicht zu 100% so sehen oder tun würde. Man diskutiert über Standpunkte und muss am Ende nicht unbedingt auf einen Nenner kommen. Bei einem Partner fällt das manchmal schwer. Mit einem Freund muss man kein gemeinsames Ziel haben. Jeder kann seine Ziele verfolgen, man ist sich nichts schuldig und hält trotzdem loyal zueinander. Das ist das Besondere an einer Freundschaft.

Ich bin dankbar für meine Freunde. Ich bin dankbar, Menschen in meiner Nähe (ich meine hier nicht unbedingt räumliche Nähe) zu haben, die für mich da sind, die mir zuhören und die zu mir stehen. Ich bin dankbar, genau das gleiche für diese Menschen tun zu dürfen.
Ich liebe Euch.

In diesem Sinne,
Prost,

die Ruhrpottperle!

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Streit

Gestern gab’s Streit. Mit einer meiner besten Freundinnen. Sowas ist immer beschissen. (Ja, ich fluche. Ich bin alt genug, ich darf das!) Aber dieses Mal kommt’s mir besonders schlimm vor, weil ich mit dieser Freundin seit Jahren keinen Streit mehr hatte.
Es war die perfekte Freundschaft. Es war eine von diesen Freundschaften, die mit den Worten

Früher fand ich dich total scheiße!

begonnen hat. Das sind immer die besten. Sagt jeder. War sie auch. Wir haben gelacht, geweint, waren füreinander da. Scheiße, ich hab sie vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen, nachdem mit ihrem Kerl Schluss war! Und warum? Weil ich sie liebe, wie man eine beste Freundin nur lieben kann.
Und jetzt das. Sie lebt seit einigen Monaten mit ihrem neuen Kerl zusammen und ich freue mich, wenn sie glücklich ist. Ich bin’s auch. Also alles Friede Freude Eierkuchen? Leider nein, leider gar nicht.

Wir wollten uns treffen. Aber dann hab ich einen Spruch gerissen. Wie wir es immer tun. Seit Jahren. Über alles. Unsere Freundschaft hat immer auch darin bestanden, uns über einander lustig zu machen. War keine große Sache. Wir haben nix auf die Goldwaage gelegt. Wir haben darüber gelacht und fertig. Aber gestern hab ich sie wohl auf dem falschen Fuß erwischt. Obwohl das eigentlich noch zu gelinde ausgedrückt ist. Sie ist regelrecht ausgerastet. Vorgestern auch schon, nur weil ich, nachdem sie nach einer anderen, gemeinsamen Freundin gefragt hat, sagte, sie solle mit dieser Freundin selbst sprechen.
Ich habe das leise Gefühl, dass sie im Moment ALLES in den falschen Hals bekommt. Und ich hab keine Ahnung, warum. Zugegebenermaßen, es verletzt mich auch. Zumal ich sie seit Wochen nicht gesehen habe. Und jetzt sowas???

Unsere gemeinsame Freundin versteht übrigens auch nicht, was da los ist. Ob es mit ihrem Typ zu tun hat oder mit ihrer Ernährungsumstellung…
Ich hoffe, letzteres. Ich habe Angst, dass es Ersteres ist und sie erst wieder cool mit mir ist, sobald mit diesem Typen Schluss sein sollte. (Klopf auf Holz, dass es nicht so ist. Wie gesagt, ich liebe sie und ich will, dass sie glücklich ist) Ich will nicht die Freundin sein, mit der sie nur abhängen kann, wenn es ihr nicht so berauschend geht. Ich will auch an den schönen Teilen ihres Lebens teilhaben. Kann ich aber nicht, wenn ich nicht ich sein darf, so wie wir es immer waren.

Eine klassische Zwickmühle.

Und jetzt? Ich werde abwarten. Denn auch, wenn es kindisch klingt, ich werde ihr ausnahmsweise mal nicht hinterherrennen. Denn das habe ich mit vielen falschen Freunden zu lange gemacht. Es ist anstrengend, höllisch anstrengend. Ich hoffe, sie kommt dieses Mal auf mich zu. Oder es schafft sich auf wundersame Weise selbst aus der Welt. Wie schon so oft.

In diesem Sinne,
Prost,

die Ruhrpottperle!